Wir warten aufs Christkind

Samstag
0:00 Uhr. Ich stehe auf dem Fest-Gelände, nuckle an meinem Bier und überlege ernsthaft, ob ich nicht noch um 1:01 Uhr zur Buchhandlung fahren soll, um mir meinen Harry Potter zu kaufen. Angesichts der Tatsache, dass ich um 10:00 Uhr Besuch kriegen würde, verwerfe ich die Idee wieder.

7:07 Uhr. Ich verfluche meinen Wecker und mich gleich dazu, weil ich ihn zwar eingeschaltet, aber die Uhrzeit nicht angepasst habe. Grummelnd schalte ich den Wecker aus, drehe mich um und schließe wieder die Augen.

7:17 Uhr. Ich setze mich ruckartig auf und bin fest davon überzeugt, verschlafen zu haben. Ein Blick auf den Wecker lässt mein Herz wieder etwas ruhiger schlagen. Schlafen kann ich jetzt aber nicht mehr. Ich schäle mich aus dem Bett und schalte die Kaffeemaschine ein.

7:18 Uhr. Keine Milch mehr da. Das fängt ja gut an.

8:00 Uhr. Alle Newsseiten sind abgesurft, wobei ich alle Texte zu Harry Potter sorgfältig gemieden habe. Wehe mir verrät jemand, wie das Buch ausgeht, bevor ich es selbst gelesen habe!

9:20 Uhr. Aufräumarbeiten abgeschlossen, Dusche beendet, Anrufbeantworter blinkt. Mein Besuch hat für heute abgesagt. Ich muss mich also alleine durch die Menschenmassen in der Buchhandlung kämpfen.

9:50 Uhr. Ich schwinge mich aufs Rad. Um 10 macht die Buchhandlung auf.

10:03 Uhr. Keine Schlange in der Buchhandlung, die Palette mit den geschätzten 100 Harry-Potter-Büchern ist verwaist. Tz. Ich verliere meinen Glauben an die Menschheit und schlendere betont cool in Richtung Ausgabeschalter. Muss ja nicht die einzige sein, die durchdreht.

10:04 Uhr. Die Verkäuferin nimmt meinen Harry Potter aus dem Regal. Ich setze immer noch ein betont cooles Gesicht auf und verkneife mir mit Gewalt sämtliche Jubelausbrüche. Ich will ja nicht in der Klapse landen, sondern das Buch lesen.

10:05 Uhr. Die Verkäuferin fragt mich, ob ich eine Harry-Potter-Tüte will. Und ob ich will! Leider sind die Tüten dieses mal nicht so schön wie vor 3 Jahren, aber es steht Harry Potter drauf. Grund genug.

10:06 Uhr. Ich verlasse die Buchhandlung und schwenke dabei meine orangefarbene Papiertüte. Ich habe ihn! Der coole Gesichtsausdruck geht in ein unkontrollierbares Grinsen über. Die wenigen Passanten, die um diese Uhrzeit schon unterwegs sind, lächeln mich mitleidig an.

10:07 Uhr. Ich überlege, mich gleich in das gemütliche Café zu setzen und loszulesen. Nur die Tatsache, dass ich unbedingt noch einkaufen muss, hält mich davon ab.

10:20 Uhr. Ich bin im Supermarkt und schmeiße wahllos irgendwelche Lebensmittel in den Korb. Hauptsache nicht verhungern. An der Kasse stelle ich fest, dass ich die Milch vergessen habe. Argh!

10:40 Uhr. Ich bin zuhause, lege meinen Harry Potter vorsichtig auf den Wohnzimmertisch und grinse ihn an. Erstmal einen Kaffee kochen, so lange kann ich jetzt auch noch warten. Die Widmung muss ich aber schon vorher lesen. Yeah! Die Autorin widmet das Buch mir!

10:41 Uhr. Ich stelle fest, dass das Cover unglaublich hässlich ist. Aber wenigstens riecht das Buch gut.

16:00 Uhr. Ich bin bei ungefähr Seite 200 und lege das Buch zur Seite, das Fest ruft. Es sieht nach Regen aus, aber ich bin mir sicher, es wird halten.

16:30 Uhr. Ich betrete das Festgelände. Es fängt an zu regnen.

16:40 Uhr. Ich stehe vor der Hauptbühne. An mir geht ein Mann vorbei, der ein selbstbedrucktes T-Shirt trägt. Auf dem T-Shirt steht eine Information zum Buch, die ich jetzt ganz sicher noch nicht wissen wollte. Ich entscheide mich, dass sie ein Fake sein muss und reiße mich mit aller Macht zusammen, um nicht das mitgebrachte Buch aus der Tasche zu ziehen und es dem Typen um die Ohren zu hauen. Jerk!

19:00 Uhr. Ich bin nass bis auf die Knochen, und gehe nach Hause, um meine Regenjacke zu wechseln. Dort hält mich aber erstmal die Couch gefangen. Ich lese die nächsten 40 Seiten, bevor ich mich wieder aufraffen kann, die Couch zu verlassen und mich wieder auf den Weg zum Fest zu machen.

Sonntag
1:00 Uhr. Ich verschwinde mit Harry im Bett. Nur noch ein Kapitel! Ich kann die Augen kaum noch offen halten, aber egal.

8:30 Uhr. Ich wache mit dem Gefühl auf, etwas wichtiges erledigen zu müssen. Mein Blick fällt auf das Buch, das neben mir liegt. Ich schlage es auf und lese weiter.

9:30 Uhr. Das Fest ruft. Ich packe das Buch ein, suche ein paar Sachen für das Frühstück zusammen und mache mich auf die Socken.

11:00 Uhr. Sonne, Fest, klassische Musik, Harry Potter … was will man mehr?

13:00 Uhr. Ein Sonnenbrand scheint sich von hinten anschleichen zu wollen. Buch einpacken, heim auf die Couch, weiterlesen.

16:00 Uhr. Ich sollte mal was essen.

17:00 Uhr. Das Fest ruft wieder, aber das Buch ist gerade so spannend. Egal, einpacken, gemütlichen Platz suchen, weiterlesen.

19:00 Uhr. Mist. An der spannendsten Stelle muss ich aufhören. Blödes Fest.

Montag
0:30 Uhr. Noch noch ein Kapitel. Mit halb geschlossenen Augen. Geht schon irgendwie.

11:30 Uhr. Verdammt, schon so spät?! Zum Glück habe ich Urlaub. Küche, Kaffee, Couch, Potter!

14:00 Uhr. Boah. Ich hätte nie gedacht, dass das passieren würde. Nie. Bei einem Potterband losflennen, obwohl es bisher genauso kam, wie ich es mir dachte. Wo sind die verdammten Taschentücher? (Für Insider: Seite 599. Sehr hollywood, ich weiß.)

14:20 Uhr. Fertig. Hm, den Epilog hätte sie sich sparen können.

14:30 Uhr. Ich realisiere gerade, dass ich wirklich FERTIG bin. Fertig! Keine Hysterie mehr, kein warten mehr, keine Angst mehr vor Typen in selbstgebastelten T-Shirts (dessen Aufschrift sich übrigens als wahr herausstellte, wenn auch nur für die besagte Seite), kein Internet-Boykott mehr. Fertig.

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2 Kommentare

  1. Erstellt am 24. Juli 2007 um 08:05 | Permanent-Link

    Bei der Stelle…

    “Sonntag
    1:00 Uhr. Ich verschwinde mit Harry im Bett.”

    …konnte ich mir ein Grinsen ja nicht verkneifen :->

  2. Andrea
    Erstellt am 2. August 2007 um 19:43 | Permanent-Link

    Hallo Ann !

    Das Warten auf HP VII hat sich für dich gelohnt.

    Beim Lesen deines Berichtes konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.

    Ich warte auf die deutsche Übersetzung von HP VII. Gut Ding braucht Weile.

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