Der erste Tag

Wasser ist schrill, so schrill, dass es im Ohr schmerzt. Gestern wusste ich noch gar nicht, was das Adjektiv schrill eigentlich genau bedeutet, und heute scheint meine ganze Welt schrill zu sein. Fließendes Wasser, Autos, zuschlagende Türen, knisternde Folien. Sogar das Geräusch, das entsteht, wenn ich meine Nase putze. Es ist seltsam, verwirrend, anstrengend und herrlich zugleich. Denn immer dann, wenn ich etwas als extrem schrill wahrnehme, weiß ich, dass sich hier irgendwo ein neues Geräusch versteckt, ein Geräusch, das ich noch nie zuvor gehört habe. Mein Gehirn kann es noch nicht richtig verarbeiten, es muss erst lernen, damit umzugehen. Deshalb klingen alle neuen Geräusche bis jetzt mehr oder weniger gleich – und vor allem schrill.

Heute ist mein erster Tag mit dem Cochlea-Implantat. Meine angeborene Schwerhörigkeit ist extrem, mit normalen Hörgeräten konnte man mir noch nie helfen. Ich habe keine Ahnung, wie ein Singvogel klingt, der Standardklingelton meines Handys, meine Haustürklingel, eine Opernsängerin, eine Fahrradklingel und so vieles mehr. All das möchte ich jetzt gerne herausfinden.

Bei meinem ersten Spaziergang durch die Stadt mit aufgesetztem Sprachprozessor war ich überrascht, wie viele vertraute Geräusche unvertraute Töne beherbergen. Dinge, bei denen ich schon immer davon ausging, dass sie einfach nur tiefe Töne erzeugen, klingen auf einmal zusätzlich schrill und ich weiß, dass da noch mehr sein muss. Sobald ich den Sprachprozessor aufsetze, begebe ich mich ich eine komplett neue Welt, die zwar aussieht wie immer, aber dennoch so verwirrend anders ist. Ich freue darauf, diese Welt kennenzulernen.

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2 Kommentare

  1. Florian
    Erstellt am 1. September 2009 um 15:52 | Permanent-Link

    Wie ich mich über dieses Beitrag freue!!!
    Solche tolle Hörerfahrungen werdest du ab jetzt jeden Tag, zu jeder Stunde, zu jeder Minute und Sekunde machen.
    Nur weiter so mit dem guten Hören!

    Viele Grüße aus dem sommerlichen Bukarest,
    Florian

  2. Erstellt am 3. September 2009 um 20:36 | Permanent-Link

    Endlich lernst Du wohl auch all die Töne kennen, die lautmalerisch sein sollen. Das Wörtchen “schrill” gehört sicher ebenso dazu.
    Ich freu mich riesig, das alles so hautnah mitlesen, miterleben zu dürfen :-)

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