Gezwitscher

Als Kind war ich sehr oft mit meinem Vater im Wald unterwegs. Mein Vater kennt die Wälder um mein Heimatdorf wie seine Westentasche und zeigte uns Kindern unzählige schöne Plätze. Immer wieder machte er uns auf Besonderheiten aufmerksam. Wenn er etwas besonders schönes sah oder hörte, blieb er stehen, um es uns zu zeigen. Oft war es ein Vogel, der sein Frühlingslied sang. Mein Vater erkannte die meisten an den Stimmen, blieb stehen, lauschte entzückt und fragte: “Hörst du die Amsel da oben?” Ich lauschte angestrengt. Schaute mich um, um einen Anhaltspunkt zu haben und sah irgendwann den schwarzen Vogel, der mit einem weit geöffneten Schnabel auf dem Ast saß. Sehen bedeutete für mich hören, deshalb antwortete ich in diesem Augenblick, dass ich ihn hören würde, obwohl das nicht der Wahrheit entsprach.

Gestern wollte ich einen Schneespaziergang machen, bevor der Schnee komplett weg ist. Also fuhr ich raus aus der Stadt, in den nahegelegenen Wald. Als ich den Weg entlangging, hörte ich plötzlich ein Geräusch, das mich zusammenzucken ließ. Irgendwas schien geklingelt oder gequietscht zu haben. Ich schaute mich um, weit und breit nichts zu sehen. Kein Fahrrad, kein Auto, kein Mensch. Und dennoch ertönte das Geräusch. Ich schaute nach oben. Im Baum saß eine Amsel, mit weit geöffnetem Schnabel.  So fühlt sich Glück an.

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5 Kommentare

  1. Erstellt am 17. Januar 2010 um 17:06 | Permanent-Link

    Das ist toll! :-) Selber hab ich noch nicht so viel Erfahrung mit Vögeln…
    Hat’s denn auch wie Gezwitscher geklungen?

  2. nikana
    Erstellt am 17. Januar 2010 um 17:41 | Permanent-Link

    Es waren nur kurze Rufe, für mehr war es dem Vogel vielleicht zu kalt. So richtig geht es ja auch erst im Frühling los, ich bin schon so gespannt, wie es sich dann im Wald anhört. Bisher hielt ich ja den Frühlingswald für sehr friedlich und still …

  3. Christine
    Erstellt am 18. Januar 2010 um 11:59 | Permanent-Link

    Wie schön!

  4. Pia Butzky
    Erstellt am 19. Januar 2010 um 19:41 | Permanent-Link

    Hallo Nikana,
    komme gerade vom “not quite like Beethoven”-Blog zu dir. Ist ja interessant, wieviele CI-Leute bloggen. Wusste ich nicht. Finde ich gut.

    Wald hört sich übrigens gut an, wenn er in “Einzelteilen” hörbar ist. Also 1 Vogel, 1 Ast, 1 Blattrascheln, 1 Windhauch. Aber wenn alles zusammen kommt, wird es Krach wie auf einer Baustelle. Im Herbst bei starkem Wind und viel *lautem* Laub ist es schon arg laut und undefinierbar.

    Übrigens: Wegen Pappeln musste ich mal eine Verabredung abbrechen. Hatte mich mit einer Freundin im Frühling in einem ruhig gelegenen Cafe getroffen, mit Terasse zu einem kleinen Park hin – keine Autos, kein Spielplatz, keine Musik, kein Espressomaschinengetöse. Alles bestens für CI-Leute. Aber in der Nähe standen mehrere Pappelbäume und der Wind fuhr ganz leicht in die Blätter. ffssZschKRschSCHssSPRRzschFFssSCHzischffh …

    Das war so laut und hoch, dass ich meine Freundin nicht verstand. Kein Wort.
    Ich sag nur: Pappeln? Flüchten.

    Pia

  5. nikana
    Erstellt am 19. Januar 2010 um 19:54 | Permanent-Link

    Ui, das ist ja heftig! Blätterrauschen nehme ich mit dem CI nicht so krass wahr, weil ich das teilweise noch über das Restgehör höre und es für mich somit ein normales Geräusch ist, das ich relativ gut ausblenden kann. Allerdings haben sich seit dem Herbst die Einstellungen wieder etwas verändert, ich habe also keine Ahnung, wie das Blätterrauschen im Frühling klingen wird. Mit CI wird es wirklich nie langweilig. :)

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