Sitzen vier Polen im Auto

Nein, das ist nicht der Anfang eines flachen Polenwitzes, sondern der Titel eines wunderschönen Buches von Alexandra Tobor. Ich hätte mir das Buch nie gekauft, hätten es nicht von mir sehr geschätzte Blogger in höchsten Tönen gelobt. Doch so wurde ich irgendwann so neugierig, dass ich mir mitten in der Nacht die Kindle-Leseprobe besorgte, diese gierig verschlang und mir im Anschluss sofort das Buch kaufte, weil ich nicht aufhören konnte zu lesen.

Das Buch erinnert mich an meine Kindheit. Zwar bin ich in Deutschland aufgewachsen, aber Ende 80, Anfang 90 wurden auch bei uns im Dorf Migranten aus Osteuropa untergebracht. Woher die alle kamen, weiß ich gar nicht mehr so genau; aber ich erinnere mich noch zu gut an Martin aus Polen.

Martin sprach kein Wort Deutsch, als er zum ersten Mal bei uns im Klassenzimmer stand. Obwohl er ein Jahr älter war als wir, wurde er in meiner Klasse untergebracht. Während der meisten Schulstunden war er damit beschäftigt, hektisch in seinem Deutsch-Polnisch-Wörterbuch zu blättern, aber in Mathe brauchte er das trotz der Sprachbarriere nicht. Er steckte uns alle locker in die Tasche und langweilte sich während der Unterrichtsstunden fürchterlich, weil das alles für ihn nichts Neues war. Er lernte Deutsch in einem Tempo, das mich zutiefst faszinierte. Schon bald konnten wir uns unterhalten, während wir auf den Bus warteten.

Nach den Sommerferien trennten sich unsere Wege. Martin ging für ein Jahr nach Köln, in ein Internat, in dem er besser gefördert wurde und speziellen Deutschunterricht erhielt. Als er ein Jahr später wieder zurück kam, meldet er sich in einer anderen Schule an. Wir sahen uns nur noch sehr selten, und als ich nach Karlsruhe zog, verloren wir uns ganz aus den Augen.

Trotz Martin war mir nie bewusst, wie sich die Migrantenkinder fühlten, als sie nach Deutschland kamen. In meinem Heimatdorf gingen Migrantenfamilien eine Weile ein und aus, blieben oft nur wenige Tage, manchmal aber auch ein ganzes Jahr. Mit einigen spielte ich manchmal, weil mir die Kommunikationsbarriere nicht viel ausmachte. Im Gegenteil, ich hatte durch meine Schwerhörigkeit selbst mit riesigen Kommunikationsproblemen zu kämpfen und zog die Kommunikation mit Händen und Füßen vor. Dennoch vergaß ich die meisten Kinder recht schnell, wenn sie wieder wegzogen, denn echte Freundschaften bildeten sich nie.

Alexandra Tobor erinnert mich auf unterhaltsame und kluge Weise an diese Zeit. Sie erzählt von den Problemen, denen sich Flüchtlingsfamilien stellen mussten, und setzt dabei auf einen sehr feinsinnigen Humor. Sie ermöglicht dem Leser einen Einblick, wie sich die Einwanderer fühlten, welchen Problemen sie sich stellen mussten und wie sie diese meisterten. Mir gefällt es, wie sie mit dem Thema umgeht. Ein sehr empfehlenswertes Buch!

2 Gedanken zu „Sitzen vier Polen im Auto“

  1. Der Klappentext klingt für mich nicht überzeugend („Integration, die Spaß macht!“ usw.), deine Worte hier aber schon. Ich bin gespannt. Danke für den Tipp. :)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.