Die Mutter, ihr Kind und ich

Seit Februar laufe ich wieder. Wobei das Wörtchen wieder eine maßlose Übertreibung ist, denn zum ersten Mal in meinem Leben gehe ich den Laufsport tatsächlich ernsthaft an. Vorher war ich nur eine Ab-und-zu-Läuferin, ging nur dann raus, wenn ich gerade gut gelaunt war, das Wetter schön war oder die Hose zwickte. So richtig regelmäßig bin ich aber nie gelaufen, immer wieder fand ich Ausreden und betrug mich selbst um Strich und Faden.

Hier aber, auf dem Land, macht das Laufen dermaßen viel Spaß, dass ich einfach raus muss. Klar fallen mir auch hier Ausreden ein, aber in den allermeisten Fällen ziehe ich einfach die Laufklamotten an und renne los, bevor ich zu viel nachdenken kann. Wenn ich erstmal draußen bin, macht es mir spätestens nach 2-3 km wieder so richtig Spaß.

Heute hatte ich erst auch nicht so wirklich Lust. Das Wetter war grau und deprimierend, meine Beine noch schwer vom letzten Lauf und überhaupt lockten Couch und Buch viel mehr als die Laufschuhe. Da ich aber im Juli bei der Bergdorfmeile eine anständige Zeit laufen möchte und außerdem eine erkältungsbedingte vierwöchige Zwangslaufpause hinter mir habe, kann ich mir keine Faulheit leisten. Mein Ziel ist es, bei der Bergdorfmeile eine Pace von unter 6 Minuten zu schaffen, und davon bin ich momentan noch weit entfernt. Also blieb mir nichts anderes übrig, als die Laufschuhe zu schnüren.

Als ich mich gerade eine Steigung hochquälte, kreisten meine Gedanken nur darum, dass ich durch die Zwangspause konditionell wieder bei 0 war. Vielleicht hatte ich mir für den Anfang eine zu schwierige Strecke ausgesucht, schließlich war das erst der zweite Lauf nach der Pause und der erste war auch nicht sonderlich gut verlaufen. Auf jeden Fall kam ich kaum vom Fleck, keuchte wie eine alte Dampflok und grübelte gerade darüber nach, wie um alles in der Welt ich den Rest der Strecke schaffen sollte, als auf einmal ein Reh zwischen den hohen Gräsern am Wegesrand hervorkam. Das arme Reh erschrak mehr als ich, blieb kurz stehen und schaute mich mit großen Augen an, bevor es noch schnell vor mir über den Weg rannte. Hinter dem Reh wackelten die Gräser. Ich schaute genauer hin und entdeckte ein Rehkitz, das mit unbeholfenen Schritten seiner Mutter folgte. Einen Moment war ich dermaßen fasziniert, dass ich fast stehen geblieben wäre. Zum Glück setzte mein Verstand aber wieder rechtzeitig ein und ich legte einen Zahn zu, um mich so schnell wie möglich vom Rehbaby zu entfernen. Rehkitze darf man nämlich keinesfalls berühren, ihre Mütter verstoßen die Tiere sonst.

Also rannte ich so schnell ich konnte den Hügel hoch. Als ich mich umdrehte, sah ich, dass mir das Rehkitz nachrannte. Vielleicht verwechselte es mich mit seiner Mutter, auch wenn ich bei weitem nicht so elegant war wie sie, aber die Geschwindigkeit könnte in etwa hinkommen. Oder es sah in meinem Sprint einfach nur eine Aufforderung zum Spielen. Keine Ahnung, was das Kitz antrieb, ich versuchte nur noch, genügend Abstand zwischen uns beide zu bringen und kurbelte das Tempo weiter hoch. Als ich mich erneut umdrehte, sah ich, dass mir das kleine Reh immer noch folgte. Hinter ihm stand seine Mutter wieder auf dem Weg, schaute ihrem Kind nach und folgte langsam. Ich könnte schwören, dass Mama Reh einen typischen „was macht denn das bekloppte Kind schon wieder?“-Blick drauf hatte. Baby Reh ließ sich davon nicht irritieren und stolperte mir fröhlich weiter nach. So langsam mache ich mir ernsthaft Sorgen, dass es mich einholen und anstupsen könnte. Was würde die Mutter dann machen? Angreifen? Sich umdrehen und weggehen? Beide Optionen fand ich nicht sonderlich verlockend. Erneut beschleunigte ich, obwohl ich schon am Ende meiner Kräfte war, und als ich mich noch eimal umdrehte, konnte ich erleichtert feststellen, dass das Rehkitz das Interesse verloren hatte und zurück zu seiner Mutter trabte. Kurz darauf verschwand es wieder im hohen Gras. Die Mutter allerdings sah mir noch lange nach.

Was mich jetzt brennend interessieren würde: Habe ich mich richtig verhalten, oder hatte ich ein wahnsinniges Glück, dass das Kitz von mir abgelassen hat? Ich hatte durchaus das Gefühl, dass ich den Spieltrieb des Kleinen geweckt hatte, aber mir fiel keine gute Alternative zum Wegrennen ein. Wäre ich stehen geblieben, hätte es mich garantiert eingeholt und das wäre wahrscheinlich nicht gut ausgegangen. Hätte ich vielleicht laut schreien sollen, damit es Angst kriegt? Die Richtung wechseln, laut polternd und schreiend auf das Kitz zulaufen? Aber was, wenn dann die Mutter angegriffen hätte, weil sie ihr Kind bedroht sah? Das Reh war zwar nicht sonderlich groß, aber mit genügend Wut im Bauch ist die Größe nicht mehr so relevant. Vielleicht liest ja ein Reh-Experte mit und kann mir Tipps geben, wie ich mich in einer solchen Situation am besten verhalte? Hier gibt es recht viele Rehe und eine Wiederholung dieser Ereignisse ist nicht ausgeschlossen.

Laufen auff’m Land. Jeden Tag ein neues Abenteuer.

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