Abenteuer Hören: Wir warten aufs Christkind

Ich kriege einen neuen Soundprozessor und freue mich wie bekloppt. Der Soundprozessor ist beim Cochlea-Implantat das Ding, das man außen hinter dem Ohr trägt und das die ganze Technik enthält, also quasi der Computer. Mein altes Gerät war schon recht in die Jahre gekommen und nach 6 Jahren darf man ein neues Gerät beantragen. Dieser Zeitraum wird dem einen oder anderen vor allem in der schnelllebigen Smartphone-Zeit ewig vorkommen, aber ich finde ihn vollkommen in Ordnung. Soundprozessoren sind für einen langlebigen Einsatz gemacht und recht teuer, was allerdings bei der Leistung kein Wunder ist. Außerdem muss man sich erst an das Hören mit einem neuen Gerät gewöhnen, das ist ein relativ langwieriger und vor allem sehr anstrengender Prozess. Das würde ich gar nicht jährlich machen wollen, selbst wenn ich könnte.

Heute kriege ich also das neue Modell mit der Post. Heute früh scherzte ich noch auf Twitter, dass ich neben der Tür stehen bleiben würde, bis es endlich klingelt. Dabei fiel mir ein, dass ich das früher tatsächlich so machen musste. Vor dem CI hörte ich die meisten Klingeltöne nicht. Die Klingel in meinem Elternhaus war kein großes Problem für mich, da sie ein sehr tiefes Ding-Dong von sich gab, aber schrille Schellen waren mir verschlossen. Leider waren genau solche Schellen in sämtlichen Wohnungen eingebaut, in denen ich nach dem Auszug von Zuhause wohnte. Diese Schellen hörte ich überhaupt nicht, der Ton war einfach viel zu hoch für mich. Stand ich jedoch direkt neben der Klingel, hörte ich ein dumpfes Rattern. Das hatte zur Folge, dass ich bei wichtigen Lieferungen oder Besuchen von Handwerkern, Stromablesern etc. immer im Flur stand, direkt neben der Klingel, und total angespannt und konzentriert auf das Rattern wartete. Wie anstrengend das war, kann sich vermutlich jeder vorstellen. Wenn sich der Lieferant meiner Waschmaschine für einen Zeitraum von zwischen 7 bis 14 Uhr angekündigt hatte, konnte ich wirklich gar nichts machen, bis er endlich da war. Ich konnte nicht am PC arbeiten, ich konnte nicht aufräumen, ich konnte nicht essen, ich konnte nicht aufs Klo gehen; ich konnte noch nicht einmal im Flur lesen, weil ich meine gesamte Konzentration auf das leise Rattergeräusch richten musste. Natürlich kamen solche Lieferungen immer eher gegen 14 Uhr als gegen 7 und bis dahin war ich fix und fertig.

Heute ist das natürlich viel besser. Mit dem CI höre ich unsere recht laute Klingel problemlos, aber die jahrelange Angespanntheit steckt mir nach wie vor in den Knochen. So kommt es, dass ich heute immer noch auf jedes kleine Geräusch achte, wenn ich auf etwas wichtiges warte. Dass ich zum Fenster sprinte, wenn ich ein Auto höre, und dass ich leises Rascheln oder den Sie-haben-eine-neue-Mail-Ton als klingeln fehlinterpretiere, obwohl ich ganz genau weiß, dass die Klingel recht laut ist und ganz anders klingt. Aber immerhin stehe ich nicht mehr direkt an der Tür und starre die Gegensprechanlage an, in der die Klingel versteckt ist. Sondern ich koche mir Essen, blogge, laufe durch die Wohnung, werfe die recht laute Kaffeemaschine an und kann sogar aufs Klo gehen, weil ich selbst dort die Klingel hören würde. Welch ein wunderbarer Luxus!

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