Archiv der Kategorie: Lauscher

Abenteuer Hören: Wir warten aufs Christkind

Ich kriege einen neuen Soundprozessor und freue mich wie bekloppt. Der Soundprozessor ist beim Cochlea-Implantat das Ding, das man außen hinter dem Ohr trägt und das die ganze Technik enthält, also quasi der Computer. Mein altes Gerät war schon recht in die Jahre gekommen und nach 6 Jahren darf man ein neues Gerät beantragen. Dieser Zeitraum wird dem einen oder anderen vor allem in der schnelllebigen Smartphone-Zeit ewig vorkommen, aber ich finde ihn vollkommen in Ordnung. Soundprozessoren sind für einen langlebigen Einsatz gemacht und recht teuer, was allerdings bei der Leistung kein Wunder ist. Außerdem muss man sich erst an das Hören mit einem neuen Gerät gewöhnen, das ist ein relativ langwieriger und vor allem sehr anstrengender Prozess. Das würde ich gar nicht jährlich machen wollen, selbst wenn ich könnte.

Heute kriege ich also das neue Modell mit der Post. Heute früh scherzte ich noch auf Twitter, dass ich neben der Tür stehen bleiben würde, bis es endlich klingelt. Dabei fiel mir ein, dass ich das früher tatsächlich so machen musste. Vor dem CI hörte ich die meisten Klingeltöne nicht. Die Klingel in meinem Elternhaus war kein großes Problem für mich, da sie ein sehr tiefes Ding-Dong von sich gab, aber schrille Schellen waren mir verschlossen. Leider waren genau solche Schellen in sämtlichen Wohnungen eingebaut, in denen ich nach dem Auszug von Zuhause wohnte. Diese Schellen hörte ich überhaupt nicht, der Ton war einfach viel zu hoch für mich. Stand ich jedoch direkt neben der Klingel, hörte ich ein dumpfes Rattern. Das hatte zur Folge, dass ich bei wichtigen Lieferungen oder Besuchen von Handwerkern, Stromablesern etc. immer im Flur stand, direkt neben der Klingel, und total angespannt und konzentriert auf das Rattern wartete. Wie anstrengend das war, kann sich vermutlich jeder vorstellen. Wenn sich der Lieferant meiner Waschmaschine für einen Zeitraum von zwischen 7 bis 14 Uhr angekündigt hatte, konnte ich wirklich gar nichts machen, bis er endlich da war. Ich konnte nicht am PC arbeiten, ich konnte nicht aufräumen, ich konnte nicht essen, ich konnte nicht aufs Klo gehen; ich konnte noch nicht einmal im Flur lesen, weil ich meine gesamte Konzentration auf das leise Rattergeräusch richten musste. Natürlich kamen solche Lieferungen immer eher gegen 14 Uhr als gegen 7 und bis dahin war ich fix und fertig.

Heute ist das natürlich viel besser. Mit dem CI höre ich unsere recht laute Klingel problemlos, aber die jahrelange Angespanntheit steckt mir nach wie vor in den Knochen. So kommt es, dass ich heute immer noch auf jedes kleine Geräusch achte, wenn ich auf etwas wichtiges warte. Dass ich zum Fenster sprinte, wenn ich ein Auto höre, und dass ich leises Rascheln oder den Sie-haben-eine-neue-Mail-Ton als klingeln fehlinterpretiere, obwohl ich ganz genau weiß, dass die Klingel recht laut ist und ganz anders klingt. Aber immerhin stehe ich nicht mehr direkt an der Tür und starre die Gegensprechanlage an, in der die Klingel versteckt ist. Sondern ich koche mir Essen, blogge, laufe durch die Wohnung, werfe die recht laute Kaffeemaschine an und kann sogar aufs Klo gehen, weil ich selbst dort die Klingel hören würde. Welch ein wunderbarer Luxus!

Die Musik, mein CI und ich

Musik war mir schon immer wichtig. Früher lief immer das Radio, wenn ich meine Hausaufgaben machte. Musik half mir zu entspannen, das oft hektische Drumherum auszublenden und mich voll und ganz auf meine Arbeit zu konzentrieren. Das ist heute auch noch so: Nach wie vor höre ich bei der Arbeit am liebsten Musik und bin im Büro meistens mit Kopfhörern anzutreffen. Nur mein Musikgeschmack hat sich geändert: Während ich in meiner Jugend nur die Charts hörte und meine Lieblingslieder eher poplastig waren, höre ich heute lieber härtere Klänge. Heavy Metal und Rock in fast allen Variationen, das ist heute meine Musikwelt. Daran ist mein CI nicht ganz unschuldig.

Schandmaul 2014
Schandmaul in Rastatt 2014

Meine Schwerhörigkeit macht das Musikhören ziemlich kompliziert. Ich höre einige tiefe Frequenzen relativ normal, mittlere Frequenzen deutlich leiser und hohe Frequenzen gar nicht mehr. Kleine Singvögel, Trillerpfeifen, Schellen und Fahrradklingeln höre ich zum Beispiel gar nicht. Tiefe Bässe dagegen sind nahezu vollständig da – wie vollständig kann ich allerdings nicht beurteilen, da ich nie ein intaktes Hörvermögen hatte und nur Vermutungen anstellen kann. Auf jeden Fall hatte ich ohne CI schon immer massive Probleme, wenn ein Song etwas schneller und/oder lauter wurde. Ich dachte zum Beispiel jahrelang, dass Master of Puppets von Metallica bis auf ein ab und zu in den Raum gebrülltes „Master“ ohne Text wäre. Ich habe den Gesang ohne CI schlicht nicht herausgehört, weil die lauten Bässe und das Schlagzeug James Hetfields Stimme komplett überlagert haben. So ging es mir mit den meisten lauten Songs, deshalb mochte ich im Bereich Rock und Metal nur die leisen Balladen. Die meisten lauten Songs waren für mich einfach nur Krach, weil mir zu viele Details fehlten.

Metallica
Metallica bei Rock in Vienna 2015

Mit dem CI hat sich das glücklicherweise geändert. Zwar höre ich garantiert immer noch nicht das ganze Spektrum, aber ich bin mir recht sicher, dass ich die Songs großteils so höre, wie die meisten anderen Menschen auch. Und das genieße ich sehr.

Mittlerweile gehe ich regelmäßig auf Konzerte. Konzerte sind jedoch ein ganz anderes Kaliber als Musik über den Kopfhörer, dort habe ich trotz CI oft wieder meine alten Probleme. Gerade in Hallen ist die Akustik für mich schwierig, recht oft höre ich nicht heraus, welcher Song gerade gespielt wird. Das liegt daran, dass die Bässe für mich zu mächtig sind und Gesang und Gitarre komplett untergehen. Da die reinen Bässe für mich immer relativ gleich klingen, habe ich dann ziemliche Schwierigkeiten, den Song zu erkennen. Bei Open-Air-Konzerten ist das anders, diese Konzerte machen mir deshalb viel mehr Spaß als Konzerte in der Halle.

In Extremo
In Extremo in Merseburg 2014

Auf Konzerten war ich auch schon vor CI-Zeiten, aber relativ selten, weil es einfach nicht so viel brachte. Nur Robbie Williams 2003 in Mannheim hat mir richtig viel Spaß bereitet; ebenfalls besuchte Punkrock-Konzerte dagegen waren akustisch zu schwierig. Robbie Williams jedoch war großartig. Ich glaube, das wird für immer mein bestes Konzert bleiben. Was auch daran liegt, dass ich zu meiner Überraschung mühelos in die dritte Reihe spazieren konnte und die Stimmung ganz vorne so speziell ist, dass es fast schon wieder egal ist, ob und wie viel man hört. Robbie Williams hatte richtig viel Spaß an diesem Konzert und hatte dadurch eine beeindruckende und greifbare Ausstrahlung, die ich nie wieder bei einem Konzert erlebt habe. Auch nicht bei meinem zweiten (und vermutlich letzten) Robbie-Williams-Konzert drei Jahre später. Bilder habe ich von dem Konzert in Mannheim leider nicht, das war lange vor der Smartphone-Zeit. Dafür gibt es aber auf Youtube jede Menge Videos von der Tour. Hier ist mein absoluter Favorit von damals: Me And My Monkey.

Mittlerweile gehe ich mehr auf Rock- und Metal-Konzerte. In Extremo, Schandmaul, Blind Guardian und Metallica waren meine letzten Konzert-Ziele. Da ich Metallica im Rahmen des Festivals Rock in Vienna gesehen habe, kann ich zu der Liste auch noch Faith No More und die Broilers hinzufügen. Faith No More haben mich zum Fan gemacht, die Broilers dagegen fand ich zwar live OK, haben mich aber nicht übermäßig beeindruckt. Momentan steht mir der Sinn nicht so sehr nach Punkrock, das kann sich natürlich jederzeit ändern.

Faith No More
Faith No More bei Rock in Vienna 2015

Das schwierigste Konzert war für mich Blind Guardian, was allerdings an der seltsamen Akustik in der recht kleinen Halle lag. Die Stimmung war grandios, aber bei diesem Konzert war mein altes Problem am stärksten ausgeprägt: Bis auf 2-3 Songs erkannte ich kein Lied, obwohl ich viele davon zuvor mehrmals gehört hatte. Schade. Ich bin jedoch sehr gespannt, ob sich mein Gehör in der Hinsicht noch weiterentwickelt. Bisher habe ich jährlich dazugelernt, auch wenn die Fortschritte so klein sind, dass sie nicht greifbar sind und mir erst im Nachhinein auffallen.

Blind Guardian
Blind Guardian in Stuttgart 2015

Das nächste Konzert wird wieder ein Festival sein, allerdings wesentlich kleiner als Rock in Vienna. In Extremo wird auf der Loreley den 20. Bandgeburtstag feiern und hat unter anderem Schandmaul eingeladen. Ich freue mich schon sehr darauf, die Atmosphäre wird großartig sein. Zumal man sich dort vermutlich halbwegs frei bewegen kann, was bei Rock in Vienna nicht mehr der Fall war. In Wien musste ich lernen, dass große Festivals sind nicht so mein Ding sind. Allerdings war die Akustik in Wien richtig gut. Vom reinen Hören her war Rock in Vienna wahrscheinlich mein erfolgreichster Konzertbesuch bisher, die Songs, die ich kannte, konnte ich auch alle einwandfrei identifizieren. Sogar von Faith No More, die ich vor dem Konzert kaum kannte. Das ist für mich ein richtig großer Erfolg. Es wird.

In Extremo
In Extremo in Merseburg 2014

Hörgerät, CI und Hybrid – was ist das eigentlich?

Wenn ich anfange, von meinem CI zu erzählen, neige ich dazu, meine Zuhörer mit den Begriffen „CI“, „Hörgerät“ und „Hybrid“ gnadenlos zu verwirren. Das führt immer wieder zu denselben Rückfragen, die ich hier beantworten möchte.

Was ist ein Hörgerät?
„Hörgerät“ ist strenggenommen der Oberbegriff für alle Hörhilfen, wird aber in der Regel für herkömmliche Schallverstärkungsgeräte verwendet. Diese Geräte können Schwerhörigkeit häufig ausgleichen und somit eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität von Schwerhörigen erreichen. Allerdings funktioniert das nur dann, wenn die Haarzellen im Ohr noch intakt sind. Haarzellen sind winzig kleine Härchen im Innenohr, die für die Weiterleitung des Schalls (= alle Geräusche) an die Hörnerven zuständig sind. Die Hörnerven wiederum gegeben den Schall an das Gehirn weiter, wo das Gehörte entschlüsselt und verarbeitet wird. Wenn die Haarzellen nicht mehr intakt sind, kann ein Hörgerät nichts ausrichten. Der verstärke Schall landet im Innenohr und verpufft dort, weil es nichts mehr gibt, was den Schall weiterleiten könnte.

Genau das ist bei mir der Fall: Die meisten Haarzellen sind kaputt. Deshalb konnte man mir mit Hörgeräten nie helfen. Ich habe in meinem Leben schon sehr viele Geräte getestet, analoge wie digitale, aber keines davon konnte eine spürbare Verbesserung erreichen. Meine Schwerhörigkeit ist zu tückisch: ich habe einen sogenannten Hochtonsteilabfall. Das bedeutet, dass ich tiefe Töne gut höre (manche Frequenzen sogar sehr gut), hohe Töne aber gar nicht mehr. Nur an der Stelle, an der die Kurve steil nach unten geht, könnte man vielleicht noch mit einem Hörgerät ein bisschen was machen. Allerdings würde das mein Sprachverständnis absolut nicht verbessern, weil mir die meisten fürs Sprachverständnis notwendigen Frequenzen fehlen.

Was ist ein CI?
Ein Cochlea-Implantat, kurz CI, kommt dann zum Einsatz, wenn die Haarzellen nicht mehr funktionieren, aber der Hörnerv noch intakt ist. Das Implantat wird im Rahmen einer 2-3 stündigen Operation eingesetzt. Dabei wird eine Elektrode in die Hörschnecke (Cochlea) geschoben. Diese Elektrode ersetzt die zerstörten Haarzellen und leitet fortan die Geräusche in Form von elektronischen Impulsen weiter.

Die Elektrode ist mit einem Magneten verbunden, der hinter dem Ohr unter der Haut sitzt. Dort kommt von außen die sognenannte Spule drauf, in der ein wesentlich stärkerer Magnet sitzt, so dass die Spule nicht verrutscht. Über diese Spule werden die Impulse übermittelt, die vom Soundprozessor zuvor verarbeitet wurden.

Der Soundprozessor selbst sitzt hinter dem Ohr und sieht wie ein herkömmliches Hörgerät aus, ist aber in der Regel wesentlich größer als die modernen Hörgeräte.


CI-Soundprozessor von der Firma Cochlear (Modell Freedom)

Cochlea-Implantate sind für gehörlose oder fast gehörlose Menschen geeignet. Allerdings sollte das CI so schnell wie möglich nach Eintreten der Gehörlosigkeit eingesetzt werden, wenn man eines haben möchte. Also entweder bald nach der Geburt, oder, falls man spätertaubt ist, bald nach der Ertaubung. Gehörlose Menschen, die taub zur Welt gekommen sind, werden sehr wahrscheinlich nicht vom CI profitieren können, wenn sie dieses erst im Erwachsenenalter bekommen. Das Gehirn muss Sprache erkennen und mit den Signalen umgehen können, um sie richtig verarbeiten zu können.

Was ist ein Hybrid-CI?
Das Hybrid-CI ist eine Mischung aus Cochlea-Implantat und Hörgerät. Es ist für mich am besten geeignet, denn es wurde für Menschen mit Hochtonsteilabfall und an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit entwickelt. Bei einem Hybrid-CI wird ebenfalls eine Elektrode in die Hörschnecke geschoben, diese ist aber in der Regel etwas dünner und kürzer als die normalen CI-Elektroden. Daduch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Restgehör bei der Operation erhalten bleibt.

Der Soundprozessor ist beim Hybrid-CI noch etwas komplexer als beim normalen CI; dieser wird so programmiert, dass bestimmte Frequenzen über die Schallleitung (also das Hörgerät) übermittelt werden, und alle anderen Frequenzen über die Elektrode, also über das CI. Beim Hybrid gibt es im Gegensatz zum CI auch noch ein Ohrpassstück, in dem sich der Lautsprecher für das Hörgerät befindet. Beim CI ist der Gehörgang frei.


Hybrid-Soundprozessor von der Firma Cochlear

Für mich ist das Hybrid-CI ein Segen. Jahrelang habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, mein Gehör zu verbessern, bin aber immer wieder gescheitert. Man sagte mir, dass ich für ein Hörgerät zu schlecht hören würde, für ein CI aber zu gut. Es schien kein medizinisches Hilfsmittel zu geben, das mir mein Wunschleben ermöglichen konnte. Zwar kam ich mit meiner Schwerhörigkeit durchaus zurecht, aber es gab zu viele Situationen, die unnötig stressig oder gar unmöglich zu bewältigen waren. Alltägliches wie Meetings mit mehreren Leuten, simple Telefonate, lockere Gespräche in der Kneipe nach Feierabend – all das war für mich entweder nicht möglich oder nur unter allergrößter Anstrengung zu bewältigen.

Als ich das Hybrid entdeckte und man mir auch sagte, dass ich tatsächlich eine Kandidatin bin, war ich überglücklich. Allerdings war der Weg von der Operation zum sorgenfreien Einsatz des Hybrids nicht einfach, es dauerte gut zwei Jahre, bis ich wirklich vom Hybrid profitierte. Der Lernprozess ist langwierig und anstrengend, vor allem, wenn man wie ich erst spät operiert wird und nie gehörte Töne ganz neu lernen muss. Mir war von Anfang an bewusst, dass es nicht einfach sein wird; nur deshalb war die Herausforderung zu meistern. Es war sehr viel Geduld notwendig, sowohl von mir, als auch von meiner Familie, meinen Freunden und Kollegen.

Ich bin sehr froh, dass ich mich für das Hybrid entschieden habe. Zwar bin ich immer noch schwerhörig und es ist immer noch schwierig, weil nur ein Ohr versorgt wurde, aber im Vergleich zu früher ist doch alles um einiges leichter geworden. Nur für Meetings und laute Umgebungen bräuchte ich beide Ohren, um ein optimales Ergebnis zu erzielen. Deshalb möchte ich demnächst auch noch das linke Ohr operieren lassen, und zwar ebenfalls nach dem restgehörerhaltendem EAS-Verfahren (EAS = Elektrisch-akustische Stimulation).

War das schon alles?
Nein. Dieser Artikel ist weit davon entfernt, vollständig zu sein. Es gibt noch viel mehr Hörgeräte, wie z.B. Knochenleitungsimplantate. Da diese für meine Art der Schwerhörigkeit aber ungeeignet sind, habe ich mich noch nie mit diesen Geräten auseinandergesetzt und kann folglich auch nichts dazu sagen. Auch Hörgerät, CI und Hybrid sind nicht vollständig beschrieben, sondern sehr oberflächlich, um einen allgemeinen Überblick zu bieten.

ARD und ZDF wollen mehr Untertitel anbieten

Laut digitalfernsehen.de möchten die ARD und das ZDF das Untertitelangebot ausbauen. Das ZDF will bestimmte Sendungen untertiteln und die ARD bis Ende 2013 alle Erstsendungen. Die ARD plant weiterhin, mehr Hörfilmfassungen für Blinde und Sehbehinderte anzubieten, was ich ebenfalls sehr gut finde.

Zwar ist durch die Neuerungen immer noch keine 100-prozentige Untertitelung gegeben, aber es ist immerhin ein Anfang. Ich hoffe sehr, dass diese Pläne umgesetzt und die Untertitel weiterhin stetig ausgebaut werden. Am besten gleich in einer Qualität, die mit der in den USA vergleichbar ist.

Ab jetzt wird gebärdet!

OK, ganz so schnell geht es natürlich nicht. Aber ich habe heute den Anfang gemacht, indem ich mich an der Volkshochschule für den Kurs „Deutsche Gebärdensprache I“ angemeldet habe. Natürlich werde ich im Rahmen eines Semesters unmöglich die ganze Gebärdensprache lernen können, aber wenigstens werde ich einen Überblick bekommen und dann entscheiden, ob ich im nächsten Semester weitermachen möchte.

Ich mache das übrigens nicht, weil ich fürchte, irgendwann auf die Gebärdensprache angewiesen zu sein – in meinem Alltag würde die mir ohnehin nicht weiterhelfen – sondern, weil ich mich für Sprachen interessiere und die Gebärdensprache sehr faszinierend finde. Ich freue mich darauf!

Untertitel anderswo II

Als Fan amerikanischer Filme gehörte ein Kinobesuch in Seattle natürlich zum Pflichtprogramm. Nur ist ein Kinogang für mich oft frustrierend, weil ich mehr als die Hälfte nicht verstehe. Deshalb googelte ich vorher nach Kinos, die Untertitel für Schwerhörige anbieten, und wurde direkt fündig. Im Regal Seattle gibt es ein grandioses Untertitelsystem: Die Untertitel werden nicht auf der Leinwand eingeblendet, sondern laufen auf einer Spezialbrille mit, die man sich kostenlos an der Kinokasse ausleihen kann. Auf diese Weise können schwerhörige und gehörlose Menschen einen Filmabend im Kino genießen, und Normalhörende fühlen sich von den Untertiteln nicht genervt.


Bild: Untertitelbrille (iPhone-Foto, die Qualität lässt leider zu wünschen übrig).

Erst dachte ich, dass die Untertitel zu schwer lesbar wären, aber nachdem ich die Brille einige Male hin und her rückte, passte es. Auch die anfänglichen Kopfschmerzen verschwanden, nachdem ich den richtigen Winkel gefunden hatte. Die Brille bietet zudem einige Einstellungsmöglichkeiten: Man kann die Entfernung einstellen (nah, mittel, fern) und zwischen zwei Schriftgrößen wählen (klein und groß) und den Sprachkanal einstellen. Drei verschiedene Kanäle gibt es, somit ist die Brille auch für Liebhaber des Originaltons nützlich, wenn sie zusätzlich gerne Untertitel in der Originalsprache oder Landessprache haben möchten.

Die Schrift liest sich wie ein LED-Display: Neongrün und grobpixelig, aber durchaus gut lesbar. Bei sehr hellen Bildern hatte ich manchmal leichte Probleme, aber in diesem Fall kann man einfach kurz in den dunklen Kinosaal schauen, um den Text lesen zu können. Vom Film geht dadurch nicht viel verloren, jedenfalls nicht für jemanden, der es ohnehin gewohnt ist, untertitelte Filme zu schauen.

Nachteile gibt es allerdings auch: Die Brille ist recht schwer, auch 30 Minuten nach Filmende konnte man noch sehr genau sehen, wo die Brille auf meiner Nase saß. Brillenträger haben vermutlich keine Chance, die Untertitelbrille vor der regulären Brille zu tragen – ich habe es gar nicht erst versucht und bin auf Kontaktlinsen ausgewichen. Aber das sind alles Dinge, die bei Weiterentwicklungen berücksichtigt werden können. Wichtig ist, dass es das System überhaupt gibt. Perfekt wäre es, wenn es auch in Deutschland kommen würde, und zwar nicht nur in Großstadtkinos, sondern flächendeckend. Aber da mache ich mir keine allzu großen Hoffnungen, Deutschland hinkt in Sachen Untertitel ohnehin weit hinterher.

Angeschaut habe ich mir übrigens „Horrible Bosses“, ein trotz einiger recht flacher Witze sehenswerter Film mit tollen Schauspielern. Einzig Charlie Day (Dale), der für die meisten flachen Witze verantwortlich war, ging mir ein bisschen auf die Nerven. Grandios fand ich die Darstellung der Horrible Bosses Dave Harken (superfieser Kevin Spacey) und Dr. Julia Harris (Jennifer Aniston in einer sehr ungewohnten Rolle).

Untertitel anderswo

Untertitel sind in Deutschland bei schwerhörigen und gehörlosen Menschen ein ewiges Frustthema. Die meisten Sendungen sind gar nicht untertitelt, und wenn es Untertitel gibt, lässt oft die Qualität zu wünschen übrig.

In den USA scheint das anders zu sein. Vorhin zappte ich ein bisschen durch die Programme und blieb bei Sex and the City hängen. Ich suchte Untertitel auf der Fernbedienung, wurde direkt fündig und war begeistert vom klaren Schriftbild.

Bei einem Kinofilm sind Untertitel allerdings nichts besonderes, jedenfalls nicht bei einem amerikanischen Film. Was mich viel mehr verblüffte, ist die Tatsache, dass in der Werbepause ca. 50% der Spots untertitelt waren! Hierzulande kriegen wir es kaum hin, die Nachrichten zu untertiteln, und in Amerika gibts TV-Werbung zum Mitlesen.

Natürlich kann man jetzt damit argumentieren, dass das reine Geldmacherei ist und Untertitel in der Werbung doof sind, aber darum geht es mir gar nicht. Mir geht es vielmehr darum, dass in einigen Ländern wirklich alle Möglichkeiten genutzt werden. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass die Menschen in Amerika viel natürlicher mit der Schwerhörigkeit umgehen, ich habe es heute dreimal erlebt, dass meine Gesprächspartner automatisch langsamer und deutlicher gesprochen haben, sobald sie mein CI bemerkten. Diese richtige Reaktion hat mich etwas verblüfft, denn in Deutschland reden die Leute normalerweise automatisch sehr viel lauter, was meistens wenig hilfreich ist. Entweder sind die Amerikaner besser informiert, oder sie tun instinktiv das Richtige.

Alles ist natürlich nicht perfekt. Leute, die genervt reagieren, wenn ich sie nicht sofort (oder mit viel Pech gar nicht) verstehe, gibt es hier natürlich auch. Und die Untertitel funktionieren auch nicht überall. Nicht alle Sender scheinen Untertitel zu nutzen und bei Live-Untertiteln fehlt mehr als die Hälfte. 100% Untertitel bei Livesendungen halte ich allerdings auch für absolut unmöglich, da müsste ein Fließtext direkt über den kompletten Bildschirm laufen und ein absoluter Profi (Schnelltipper, perfektes Gehör) mittippen. Anders ist eine vollständige Untertitelung beim normalen Sprechtempo bei Interviews, Talkshows und dergleichen nicht machbar.

Nachtrag: Ich muss mich korrigieren. Gestern Abend habe ich noch einen Nachrichtensender gefunden, bei dem die Untertitel immer 100% stimmten, egal ob bei Interviews oder bei vom Teleprompter abgelesenen Texten. Sie liefen relativ schnell mit (vierzeilig, Fließtext) und waren für einen geübten Untertitelleser leicht erfassbar. Sie liefen nur leicht zeitverzögert, kein Vergleich zu den lahmen und extrem zusammengekürzten Untertiteln in Deutschland. Sehr nachahmenswert!

Können Tauben eigentlich lachen?

Wenn sich früher jemand bei mir beschwerte, dass ihn diverse Vögel viel zu früh wecken würden, kicherte ich immer nur und meinte, dass die mir ja zum Glück nichts anhaben könnten, weil ich sie nicht hören würde. Mittlerweile höre ich die Piepmätze dank CI zwar auch, aber wecken können sie mich immer noch nicht, weil ich den Sprachprozessor im Bett natürlich nicht trage. Also schlummerte ich immer friedlich dem Weckerklingeln entgegen, unbehelligt von den Naturgewalten.


Symbolbild: Buntes und vorbildlich stilles Federvieh im Tropenhaus des Haus des Meeres in Wien.

Doch dann kamen die Tauben. Nein, nicht gehörlose Menschen, sondern die Tiere. Diese verteilen sich mit Vorliebe rund um meine Wohnung. Balkongeländer, Regenrinne am Dach, auf dem Fensterbrett vor dem Badezimmerfenster und auf dem Fensterbrett vor dem Schlafzimmerfenster. Letzteres scheinen sie in den frühen Morgenstunden ganz besonders zu lieben, denn dort lässt sich wunderbar die aufgehende Sonne angurren. Und zwar mindestens so lange, bis ich wach bin. Denn Tauben gehören zu den 5 Prozent der Vögel, die ich dank ihrer tiefen Stimmen ohne CI höre. Tja, da sitzen sie nun, lassen nicht locker, bis ich endlich mit einem lauten Stöhnen wach werde, und dann, ich schwör!, lachen sie hämisch, bevor sie zufrieden davonflattern.

Bitte pfeift die Viecher wieder zurück, ich habe meine Lektion gelernt!

Das ewige Untertitel-Thema

Als schwerhöriger oder gehörloser Mensch ist man meistens auf Untertitel angewiesen, wenn man einen Film genießen möchte. Deshalb kaufe ich auch relativ viele DVDs – auf DVDs sind Untertitel, die bei mir immer mitlaufen. Nur musste ich leider in letzter Zeit feststellen, dass immer mehr Neuerscheinungen ohne englischsprachige Untertitel in den Handel kommen. Eigentlich ist das aus der Sicht eines Schwerhörigen ein Luxusproblem, weil diese DVDs durchaus deutsche Untertitel haben, aber ich schaue englischsprachige Filme am liebsten im Original und da verwirren deutsche Untertitel oft mehr, als sie helfen. Vor allem, wenn ich den Satz tatsächlich verstehe und feststellen muss, dass die Übersetzung falsch oder schlecht ist. Außerdem habe ich bei englischen Untertiteln die erfreuliche Erfahrung gemacht habe, dass sie zu 99 Prozent 1:1 mit den Dialogen übereinstimmen. Deutsche Untertitel weichen häufig sogar von der deutschen Tonspur ab, was vermutlich damit zusammenhängt, dass die Untertitel und die Dialoge gesondert übersetzt werden.

Liebe DVD-Industrie: Ich bin wirklich dankbar, dass ihr bei synchronisierten Filmen nicht auch auf deutsche Untertitel verzichtet, aber bitte, führt die englischsprachigen wieder ein. Die 4-6 MB für die Untertitelspur machen den Braten auch nicht fett. Auf die deutsche Tonspur umschalten ist für mich keine Option, weil mich die falschen Lippenbewegungen dermaßen verwirren, dass ich erst recht nicht mehr folgen kann. Natürlich kann ich die DVDs in England bestellen, was ich auch fleißig tue, aber das kann doch nicht Sinn der Sache sein? Spontankäufe beim Bummel sind leider immer seltener möglich.

Und, wenn ich schon dabei bin: Bitte mehr deutsche Filme mit Untertiteln! Es kommt wirklich sehr selten vor, dass ein deutschsprachiger Film Untertitel mitliefert. Am meisten habe ich mich über Das Leben der Anderen geärgert – als die DVD auf den Markt kam, war eine Hörfassung für Blinde inklusive (was ich sehr gut finde), aber keine Untertitel für Schwerhörige/Gehörlose. Inzwischen wurde der Film im Fernsehen mit Untertiteln ausgestrahlt und meines Wissens sind diese jetzt auch auf der DVD, aber damals fand ich dieses Konzept sehr enttäuschend. Oder auch Herr Lehmann – den Film habe ich kurz nach Erscheinen der DVD zu schauen versucht, allerdings gab es keine deutschen Untertitel, nur englische. Versucht mal, einen deutschsprachigen Film mit englischen Untertiteln zu schauen, das geht noch weniger als umgekehrt. Zum Glück hatte ich die DVD nur ausgeliehen, nach 15 Minuten musste ich nämlich frustriert aufgeben. In Deutschland gibt es in der Hinsicht wirklich sehr viel Nachholbedarf, nicht nur auf DVD, sondern auch im Fernsehen.

Übrigens wäre es schön, wenn bei der Untertitelung deutscher Filme mehr Wert auf Genauigkeit gelegt würde. Bei deutschen Filmen weichen die Untertitel sehr oft von den Dialogen ab, was meiner Meinung nach kein Platzproblem ist, sondern eine Frage der Technik. Zum Beispiel beim Tatort: Die Dialoge werden in den Untertiteln oft stark gekürzt oder teilweise ganz verschluckt. Wenn man es aber schafft, die rasanten und wortreichen Dialoge bei den Gilmore Girls oder The Big Bang Theroy 1:1 als Untertitel darzustellen, dann schafft man es auch beim Tatort.