Archiv der Kategorie: Lauscher

Törööööö

Früher, als wir Kinder waren, missbrauchten wir blecherne Gießkannen als Trompeten. Kräftig reingeblasen, manchmal auch Worte reingebrüllt. Heraus kam ein eher undefinierbarer Geräuschebrei, der sehr blechern klang. Genau so hört sich mittlerweile das Hören mit dem CI an. Alles ist blechern geworden. Wenn ich rede, klingt es, als ob ich in einer Ritterrüstung stecken würde. Dieser seltsam hohle Klang ist stark gewöhnungsbedürftig, aber trotzdem großartig. Es ist ein Fortschritt. Ich bin schon sehr gespannt, was als nächstes kommt.

Du hörst ja schlechter als vorher!

Diesen Satz durfte ich mir vorgestern anhören, und ich bin mir sicher, dass es nicht das letzte Mal war. Es stimmt allerdings nicht ganz: Ich höre wesentlich besser, verstehe aber schlechter. Das ist auch kein Wunder, die ganzen neuen Geräusche lenken ab. Sie setzen sich vom bekannten Rest ab wie Öl, das auf dem Wasser schwimmt, und bis das Gehirn alle Eindrücke zu einer Einheit zusammenfügen kann, werden wohl noch einige Wochen vergehen.

Besonders schwierig ist es in Stresssituationen. Am Montag und Dienstag war ich stundenlang im Krankenhaus, meine kleine Schwester besuchen. Dort kam alles zusammen: Hohe Decken und somit eine sehr schlechte Akustik, viel Lärm, ein ständiges Kommen und Gehen, immer wieder verschiedene Ärzte und Pfleger, die sich teilweise nicht so recht auf Schwerhörige einstellen konnten – Spaß hat es keinen gemacht. Es war sogar so schwierig, dass ich den Sprachprozessor komplett ausgeschaltet habe, um halbwegs mitzukriegen, was jetzt Sache ist. Jetzt fühle ich mich, als ob ich zwei Tage verloren hätte, obwohl das natürlich Blödsinn ist.

Nebenwirkungen

Heute hatte ich die letzte Anpassung für die nächsten Wochen, jetzt muss ich bis November gucken, wie ich mit dem Gerät zurechtkomme. Im Moment scheint alles viel zu laut zu sein, dabei ist das CI noch recht leise eingestellt. Ich werde mich daran gewöhnen müssen, dass fast alle bekannten Geräusche von einem hohen Klingeln und Quietschen übertönt werden. Irgendwann werde ich die Töne wohl gar nicht mehr wahrnehmen und muss dann in ein lauteres Programm wechseln. Das ist noch so etwas, was ich mir im Moment überhaupt nicht vorstellen kann. Diese unfassbar lauten Töne sollen einfach so verschwinden, bzw. so leise werden, dass ich sie nicht mehr wahrnehme? Ich bin gespannt!

Diese Nebengeräusche bringen auch unschöne Nebenwirkungen mit sich. In manchen Situationen übertönen sie mein Restgehör nahezu komplett, ich kriege es zum Beispiel nicht mehr mit, wenn sich mir andere Menschen nähern, und stoße im ungünstigen Fall mit ihnen zusammen. Auch weiß ich nicht, woher die ganzen neuen Geräusche kommen, das verunsichert mich beim Radfahren noch etwas. Ich muss mich häufiger umschauen als sonst, weil ich nicht weiß, ob das jetzt mein Rad ist, das quietscht, oder ob sich ein Auto nähert. Gerade auf nasser Fahrbahn ist es extrem schwierig. An kritischen Stellen werde ich wohl vorerst auf das CI verzichten, wenn ich mit dem Rad unterwegs bin, das scheint mir sicherer zu sein.

Reisegepäck

Es ist sicherlich wahr, dass Frauen meistens mit wesentlich mehr Gepäck nach Hause kommen, als sie losgefahren sind. Diesmal kann ich aber nichts dafür, ich konnte ja nicht ahnen, dass zu diesem winzigen Gerät:

Hybrid

dieser riesige Koffer gehört:
Hybrid

Darin waren:
Cochlear HybridL (Kofferinhalt)

  • Trockenbox
  • Briketts für die Trockenbox
  • Fototasche für das Zubehör
  • 2 Akkus
  • Akku-Ladegerät
  • Behälter für das Gerät
  • Benutzerhandbücher in verschiedenen Sprachen
  • 60 Batterien
  • 8 Abdeckkappen für die Mikrofone
  • 3 Ohrhaken
  • 2 Audiokabel
  • 1 Mikrofon mit Kabel (leider recht kurz)
  • 2 Batteriehalter zum Austauschen
  • Ersatzspule
  • und natürlich das HybridL (das Hörgerät fehlt allerdings noch)

Das wird lustig, dieses Riesending morgen mit der Bahn nach Hause zu schaffen. Nebst mitgebrachtem Koffer, den ich natürlich viel zu großzügig gepackt habe. Seufz.

Vierter Tag

Es tut sich was. Heute hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass ich mit CI besser höre als ohne. Und das, obwohl die Nebengeräusche immer noch sehr verwirrend sind. Als ich das CI während eines Gesprächs kurz vom Ohr nahm, um eine Einstellung zu prüfen, hatte ich auf einmal das Gefühl, Watte im Ohr zu haben. Alles hörte sich dumpfer und ein bisschen schlechter an. Es geht voran! Dieses Glücksgefühl ist kaum zu beschreiben, zumal ich nie damit gerechnet hätte, schon in den ersten Tagen einen solchen Erfolg feiern zu können. Es funktioniert wirklich!

Zweiter und dritter Tag

Hören lernen ist unglaublich anstrengend. Gestern war ich so müde, dass ich nicht mehr fähig war, etwas sinnvolles aufzuschreiben. Allerdings lassen sich die neuen Eindrücke bisher auch kaum beschreiben. Die Einstellungen werden jeden Tag verändert, immer kommt etwas dazu, die Welt wird ein bisschen lauter. Aber schrill ist sie immer noch. Ich habe jede Menge Nebengeräusche, wo ich bisher eigentlich neben den tiefen Geräuschen keine erwartete. Autos pfeifen auf einmal, Fahrräder ebenso, von Bobbycars möchte ich gar nicht erst anfangen. Babys können ungeahnte Lautstärken erreichen, vom Ton ganz zu schweigen. Und Regen klingelt. Es ist eine rundum verrückte Welt, in der ich gelandet bin. Verrückt, verwirrend, laut, schrill, anstrengend, und trotzdem wunderschön. Im Moment kann ich mir gar nicht so richtig vorstellen, dass aus diesen Geräuschen irgendwann einmal in brauchbare Töne werden. Noch fällt es mir extrem schwer, die einzelnen Tonlagen überhaupt zu unterscheiden oder herauszuhören, ob der Ton nun laut oder leise ist. Die Töne sind einfach noch zu neu, mein Gehirn muss die passenden Schubladen erst noch basteln.

Der erste Tag

Wasser ist schrill, so schrill, dass es im Ohr schmerzt. Gestern wusste ich noch gar nicht, was das Adjektiv schrill eigentlich genau bedeutet, und heute scheint meine ganze Welt schrill zu sein. Fließendes Wasser, Autos, zuschlagende Türen, knisternde Folien. Sogar das Geräusch, das entsteht, wenn ich meine Nase putze. Es ist seltsam, verwirrend, anstrengend und herrlich zugleich. Denn immer dann, wenn ich etwas als extrem schrill wahrnehme, weiß ich, dass sich hier irgendwo ein neues Geräusch versteckt, ein Geräusch, das ich noch nie zuvor gehört habe. Mein Gehirn kann es noch nicht richtig verarbeiten, es muss erst lernen, damit umzugehen. Deshalb klingen alle neuen Geräusche bis jetzt mehr oder weniger gleich – und vor allem schrill.

Heute ist mein erster Tag mit dem Cochlea-Implantat. Meine angeborene Schwerhörigkeit ist extrem, mit normalen Hörgeräten konnte man mir noch nie helfen. Ich habe keine Ahnung, wie ein Singvogel klingt, der Standardklingelton meines Handys, meine Haustürklingel, eine Opernsängerin, eine Fahrradklingel und so vieles mehr. All das möchte ich jetzt gerne herausfinden.

Bei meinem ersten Spaziergang durch die Stadt mit aufgesetztem Sprachprozessor war ich überrascht, wie viele vertraute Geräusche unvertraute Töne beherbergen. Dinge, bei denen ich schon immer davon ausging, dass sie einfach nur tiefe Töne erzeugen, klingen auf einmal zusätzlich schrill und ich weiß, dass da noch mehr sein muss. Sobald ich den Sprachprozessor aufsetze, begebe ich mich ich eine komplett neue Welt, die zwar aussieht wie immer, aber dennoch so verwirrend anders ist. Ich freue darauf, diese Welt kennenzulernen.