Wien war in meiner Vorstellung immer eine furchtbar romantische Stadt, vielleicht sogar die romantischste Stadt überhaupt. Aber was will man auch machen, wenn man mit Sissi aufwächst und sich im Erwachsenenalter hoffnungslos in Before Sunrise verliebt? Dass das heutige Wien nicht mehr viel mit dem Sissi-Wien gemein haben kann, war mir natürlich klar, aber dass es ganz anders wirkt als in Before Sunrise, das hätte ich nicht gedacht. Natürlich hatte ich nicht erwartet, dass auf einmal Jesse und Celine vor mir stehen, aber ich hatte eine bestimmte Vorstellung von der Stadt, die sich mit der Realität einfach nicht deckte.

Bild: Kettenkarussell “Luftikus” im Prater
Es ist nicht so, dass ich es nicht schön fand, oh nein! Nur hatte ich mir Wien ein bisschen kleiner, verträumter und romantischer vorgestellt. In echt erwartete mich eine Metropole, die von wild um sich knipsenden Touristenwalzen überrollt wird. Gemütliche Gassen, ruhige Plätze und eine romantische Atmosphäre musste ich schon bewusst suchen.
Mich störte es etwas, dass einige Touristen recht rücksichtslos waren. Samstags wollte ich mir noch einmal das grandiose Lichtspiel im Stephansdom anschauen und fand mich inmitten eines Gottesdienstes wieder, den ich natürlich nicht besuchen wollte. Allerdings merkte ich nicht sofort, dass ein Gottesdienst im Gange war, weil sich die Touristen im hinteren Bereich des Doms laut unterhielten, mit Blitz fotografierten und sich auch nicht gerade leise fortbewegten. Ich bin nicht religiös und suche Kirchen nur noch aus Sightseeingsgründen auf, aber diese Respektlosigkeit hat mich umgehauen.

Bild: Touristen im Stephansdom (zu diesem Zeitpunkt fand kein Gottesdienst statt). Leider verwackelt.
Da es nicht weiter verwunderlich, wenn die Wiener den Eindruck erwecken, dass sie keine Lust auf Touristenströme haben. In einigen Kaffeehäusern und Restaurants kam mir die Bedienung unterkühlt vor, und auch sonst hatte ich das Gefühl, dass der Wiener an sich eher genervt von seinem Umfeld ist.

Bild: Beschriftungen damals und heute
Da mir viele Eintrittspreise in Wien zu hoch waren, habe ich viele der üblichen Sehenswürdigkeiten ausgelassen und mich mehr auf Kaffeehäuser, Gassen, Fassaden und Touristen konzentriert. Touristen beobachten kann nämlich unfassbar spannend sein. Ich fand es faszinierend, wie viele Leute wild knipsend durch die Stadt rannten, ohne auch nur fünf Minuten innezuhalten, ohne das, was sie gerade fotografierten, genauer anzuschauen. Die einzige Erinnerung, die diese Leute mitbringen, sind vermutlich die Bilder. Bilder von Orten, die sie nie richtig gesehen haben.
Dabei gibt es jede Menge Details zu entdecken, wenn man sich die Umwelt etwas genauer anschaut. Aber dazu ist unsere Welt für viele Leute vermutlich zu schnell geworden, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit ansehen zu wollen ist kein Ausnahmeverhalten.

Bild: Radweg-Schild meets Scherzbold
In Wien wurde mir bewusst, dass auch ich oft zu diesen schnellen Leuten gehöre. Hinrennen, kurz anschauen, weiterrennen – das ist auch mir nicht fremd. Es tut gut, von diesem Schema Abstand zu nehmen, sich treiben zu lassen, ohne feste Ziele und Absichten. Man erlebt die Stadt mit ganz anderen Augen.
Am Anfang habe ich bewusst nach Schauplätzen aus Before Sunrise Ausschau gehalten. Ich wollte den Friedhof der Namenlosen sehen, exakt das Donauufer, an dem Jesse und Celine den Dichter trafen, und im gleichen Kaffeehaus wie die beiden eine Melange trinken. Es war nahezu nicht zu verwirklichen. Der Regisseur hatte einen tollen Blick für wirklich schöne Plätze abseits der üblichen Touristenströme. Ich fand zwar heraus, wo der Friedhof der Namenlosen ist, schaffte es aber leider nicht, ihn auch aufzusuchen, dazu ist er einfach zu weit außerhalb. Die restlichen Örtlichkeiten waren gar nicht aufzutreiben, das Donauufer ist zu lang, um rein zufällig die richtige Stelle zu finden, und wie die ganzen Kaffeehäuser hießen, wusste ich nicht. Als ich mich jedoch am letzten Tag einfach treiben ließ, stand ich plötzlich auf einem Platz, den ich die Tage zuvor gesucht hatte: Auf diese Platz ließ sich Celine von einer alten Wahrsagerin die Zukunft aus der Hand lesen. Obwohl ich den Namen des Cafés nicht mehr wusste, war ich mir sicher, dass ich richtig bin. Leider waren alle Tische besetzt und ich hatte nicht mehr viel Zeit, deshalb musste ich auf einen Kaffee verzichten.
Wien ist auf jeden Fall eine Reise wert, auch wenn die Stadt ganz anders ist, als ich ursprünglich dachte. Doch was wäre das Leben ohne Überraschungen? Dennoch, das nächste Mal plane ich meinen Aufenthalt wenigstens ein kleines bisschen im Voraus, damit ich auch den Friedhof der Namenlosen aufsuchen kann. Dass ich das nicht geschafft habe, finde ich richtig schade. Aber andererseits habe ich so einen guten Grund, Wien noch einmal zu besuchen. Servus, bis zum nächsten Mal!













































